Wachsen Smartphone-Nutzern Hörner?

Mediziner in Australien haben über 1200 Röntgenbilder junger Menschen zwischen 18 und 30 Jahren ausgewertet und am Hinterhauptbein (Os occipitale) eine Art „Horn“ gefunden – einen ca. 30 mm großen knöchernen Vorsprung. Die knöcherne Anomalie führten die Wissenschaftler auf intensive Smartphone- und Tabletnutzung zurück. Kann das sein?

Wissenschaftliche Belege konnten die Mediziner nicht vorweisen. Auch wird die Methodik bei der Interpretation der Röntgenbefunde von andern Fachleuten kritisiert.

Doch berechtigte Fragen über die Herkunft der knöchernen Wucherungen auf den Röntgenbildern und über die theoretische Möglichkeit einer Art Hornbildung bleiben.

Fakt ist: Die Knochen in unserem Körper sind weitaus weniger starr, wie viele glauben. Im Gegenteil. Knochengewebe ist außerordentlich plastisch, andernfalls würden unsere Knochen deutlich häufiger brechen. Jeder kann einen Selbsttest machen. Drücken Sie mit Ihrem Daumen eine Minute fest auf den Schienbeinknochen. Der Knochen befindet sich dort direkt unter der Haut. Nach einer Minute lässt sich beim darüberstreichen bereits eine kleine Mulde auf dem Knochen spüren (die aber bald wieder verschwindet).

Das der Knochen natürlicherweise relativ weich ist, dient nicht nur dem Schutz vor Verletzungen, auch kann sich der Knochen – sowie der gesamte Bewegungsapparat – veränderten Umweltbedingungen anpassen. Es ist völlig normal, dass Knochen an bestimmten Stellen fester werden kann und sich Vorwölbungen bilden, an denen Muskeln oder Sehnen befestigt sind. Beispiele dafür finden sich z. B. am Oberschenkelknochen (Os femur). Dort findet sich eine tastbare Wölbung kurz unterm Hüftgelenk, dem Trochanter major (Rollhügel). Viele Muskeln aus dem Becken sind dort befestigt.

Hinter dem Ohr tastbar ist eine knöcherne Wölbung, der Warzenfortsatz (Pars mostoidea). Hier ist ein Muskel befestigt (Musculus sternocleidomastoideus) der zum Wenden und Nicken des Kopfes zuständig ist. Bei Säuglingen ist der Warzenfortsatz noch nicht vorhanden, er bildet sich erst aus, wenn durch die aufrechte Haltung der Muskel stärker wird und mehr Kräfte auf den Schädelknochen wirken. Grade bei jungen Menschen sind die Knochen daher besonders plastisch, da sie sich oft noch im Wachstum befinden.

Auch am oben erwähnten Hinterhauptbein, befinden sich natürlicherweise knöcherne Vorwölbungen, an denen verschiedene Nackenmuskeln befestigt sind.

Wenn nun diese Ansatzpunkte für Muskeln stärker beansprucht werden als normal, dann wachsen sie natürlich. Zum Beispiel dann, wenn der Kopf stärker geneigt wird und somit den Nackenmuskulatur mehr arbeitet, um den Kopf zu halten.

In der Medizin bekannt (und leider auch keine Seltenheit) ist der Fersensporn. Durch Fehl- bzw. Überlastungen der an der Ferse ansetzenden Sehnen, dehnt und entzündet sich die Knochenhaut an der Stelle und verkalkt mit der Zeit.

Kann dies der Grund sein für die so genannten „Hörner“, die am Hinterhauptbein wachsen sollen?

Erst mal zur Klarstellung. „Hörner“ sind es ganz sicher nicht. Hörner wie die von Stieren, sind ein anderes Gewebe als Knochen und eher mit Haaren und Fingernägeln verwandt. Außerdem gibt es an der auf den Röntgenbildern gezeigten Stelle bereits eine knöcherne Vorwölbung: die Protuberantia occipitalis externa. An diesem Punkt ist ein kleiner Teil des Trapezmuskels (Musculus trapezius) befestigt, sowie das Nackenband (Ligamentum nuchae). Es verbindet und stabilisiert die hinteren Dornfortsätze an den Wirbelkörpern. Dieses Band ist wie alle Ligamente ein passives Bauelement in unserem Bewegungsapparat. Wird es ständigen Zugbelastungen ausgesetzt, würde es sich eher weiten bzw. fester und unelastischer werden, als sich aktiv zu spannen wie ein Muskel. Ein Dauertonus am Trapezmuskel hätte auch Auswirkungen auf andere Strukturen am Hinterhauptbein und vor allem auch an den Dornfortsätzen in der Halswirbelsäule.

Daher halte ich die die Meldung von irgendwelchen Hörnern, die am Schädel wachsen, für ziemlich weit hergeholt.

Dennoch sollten sich alle Intensivnutzer von Smartphones und Tablets deutlich machen: Die Form folgt der Funktion. Im Rehasport habe ich viele Menschen mit Deformationen an der Wirbelsäule kennen gelernt, weil sie ihr Leben lang am Schreibtisch saßen. Strukturelle Veränderungen an den Wirbelkörpern sind praktisch nicht Rückgängig zu machen. Daher ist es umso wichtiger, bei einseitiger Haltung einen sportlichen Ausgleich zu haben und regelmäßig zu einem Orthopäden oder erfahrenen Osteopathen zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen.

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